Nähe und Ferne

by Friedrich Wilhelm Riemer (1774–1845) · 1816 German

Nicht in vergangne, nicht in künftge Ferne
Zieht Sehnsucht Dich und hoffendes Verlangen;
Nur an der Gegenwart liebst Du zu hangen
Und greifst das Leben so im innern Kerne.

O diesem Beyspiel folgt' ich nur zu gerne
Und hielte Deine Gegenwart umfangen;
Doch, kaum erschienen, bist Du mir vergangen
Und lässest mich allein in jener Ferne:

So leb' ich im Erinnern nur und Hoffen,
Von Dir getrennt, ein einsam Dämmrungsleben,
Des vollen Tages sehnsuchtsvoll gewärtig;

Ja ewig bliebe mir der Himmel offen,
Der reine Tag im goldnen Lichte schweben -
Wärst Du, o Sonne, nur mir gegenwärtig! - (S. 18)
_____

More poems by Friedrich Wilhelm Riemer

  • Abschiedskarte

    Du gehst - und ach! der Lenz, der nun begonnen,
    Dein schönes Ebenbild, wird mit Dir scheiden! -
    Mit eins ist Lust und Leben mir zerronnen: …
  • Aug und Herz

    Göttin an Gestalt und Wesen,
    Kron' und Kleinod aller Frauen!
    Dich auch nur von fern zu schauen …
  • Bildnerin und Bild

    Voll Unschuld, Ihrer und der Welt vergessen,
    Gleich einer Knospe in sich selbst gehüllt,
    Sitzt bildend sie, die selbst das schönste Bild, …
  • Bononischer Stein

    Kennst Du wohl jenen Stein, den wunderbaren,
    Der aus der Sonne saugt ein heimlich Leben? -
    Doch läßt sein stilles liebevolles Streben …

All poems by Friedrich Wilhelm Riemer →