• Die wunde Hinde flieht zum Wald,
    Daß einsam sie verschmachtet,
    Wo nichts als ihr Geächz erschallt
    Und tiefer Schatten nachtet.

    Der Tiger, dem der Sehne Schwung
    Den Todespfeil gesendet,
    Erhebt sich in gewalt'gem Sprung
    Und stürzt - und ist verendet.

    Und in die Wellen taucht der Schwan,...

  • Als ich durch grüne Matten
    Zu Liebchens Haus geschlüpft,
    Ist fröhlich auch mein Schatten
    Mir weit voraus gehüpft.

    Als wir geküßt uns hatten
    Und 's mußt' geschieden sein,
    Schlich traurig selbst mein Schatten
    Und langsam hinterdrein.

    aus: Deutsche Dichterin[n]en und Schriftstelerin[n]...

  • Die Erd' ist voll Blumen, der Himmel voll Sternenlicht -
    's Wär doch ein Wunder, ich liebte mein Mädchen nicht!

    Die Sterne erbleichen, und kurz ist der Mai -
    's Wär doch ein Wunder, ich bliebe ihr treu!

    aus: Deutsche Dichterin[n]en und Schriftstelerin[n]en
    in Wort und Bild
    Herausgegeben von Heinrich Groß...

  • Wie mahnst du mich, und ohne Worte,
    Du kleines Dorf, so wunderbar
    An einst, da ich an diesem Orte
    Zum erstenmale glücklich war;
    Rufst du in hundert kleinen Zügen
    Mir deshalb nur ein Bild zurück,
    Um meine Sehnsucht zu betrügen
    Durch der Erinn'rung herbes Glück?

    Hier kam sie lächelnd mir...

  • Das jüngst noch sie und mich beschien;
    Ich träum' und kann es nie vergessen,
    Wie anders damals wir gesessen.

    Hier stand der Stuhl, auf dem ich saß
    Und ihr mein letztes Liedchen las,
    Ihr Spinnrad dort, mit Flachs am Rocken,
    Nicht goldiger als ihre Locken.

    Vom Feuer ging ein warmes Licht
    Auf...

  • Blumen, die mit kalten Händen
    Winter an das Fenster malt,
    Die nur blüh'n in engen Wänden,
    Farblos, kaum vom Licht bestrahlt,
    Die in langer Nacht entsprießen
    Und am kurzen Tag zerfließen, -
    Ach! das sind gefrorne Blumen!

    Lieder, die in ödem Zimmer
    Der Poet in's Büchlein schreibt,...

  • Die im Frühling uns entzückt,
    Die wir oft am Wasserfalle,
    Oft im grünen Wald gepflückt,
    Weißt du nicht, daß nicht für immer
    Sie des Winters Hand uns nahm,
    Daß mit jedem Mai ihr Schimmer
    Und ihr Duft noch wiederkam?

    Vor des Winters kalten Armen
    Haben sie sich jetzt versteckt,
    ...

  • Die am Winterhimmel stehn,
    Die im Nahen und im Fernen
    Friedlich um einander gehn;
    Wie sie kommen, wie sie kreisen,
    Nie getrennt und nie vereint,
    Wie ihr Weg in festen Gleisen
    Ewig vorgezeichnet scheint!

    Daß ich so dich lieben lernte,
    Immer nah und immer fern,
    Du Geliebte, du...

  • Dein liebes Bild geküßt;
    Da war mir, als hätte der Mund gelacht,
    Das Auge mich heiter begrüßt.

    Die Züge lebten in frischem Glanz,
    Durchhaucht von athmendem Wehn;
    Du warst es selbst, du warst es ganz,
    Als sei ein Wunder geschehn.

    Drauf, als ich heiß und unbedacht
    Noch einmal dein Bild...

  • Das weiß ich nicht, wie es gekommen,
    Daß dir mein Herz auf einmal gut,
    Als wir zusammen sind geschwommen
    An Bord des Schiffs durch Dampf und Fluth.

    Du saßest frisch und unerschrocken, -
    Weißt du es noch? - an Deckes Rand,
    Vom Regen troffen deine Locken,
    Im Sturme wehte dein Gewand.

    Sie...