Erfüllung

by Julius Grosse (1828–1902) · 1882 German

Ist es denn Wahrheit, daß dein süßer Mund
An meinem hing in innigem Umfangen?
Ein heil'ges Feuer lodert noch zur Stund'
Um Seel' und Leib, mir brennen Stirn' und Wangen.
Auf diesen Schultern lag dein Lockenhaupt,
Du wolltest deine Thränen mir verhüllen.
Gott sah herab, an den die Liebe glaubt,
Gott, der die Sehnsucht krönte mit Erfüllen.

Und noch einmal und inniger umschlang
Mein Arm dich, holde Seele, wonnetrunken.
Dein Auge weinte; doch die Seele sang,
Daß zwischen uns der letzte Bann gesunken.
Aus warmer Nacht klang eine Glocke fern,
Und heimlich Grüßen kam aus allen Weiten,
Denn meinem Schwure leuchtete dein Stern -
So an dir halten will ich Ewigkeiten.

Mit deinen Thränen, die der Himmel sieht,
Sind glückverheißend alle Zukunftsmühen.
Wenn Mond um Mond, wenn Jahr um Jahr entflieht,
Nie soll mir diese Stunde je verglühen.
Auf diesen Schultern lag dein Lockenhaupt,
In diesen Armen will ich dich bewahren:
Du hast in deiner Jugend mir geglaubt,
Du sollst es auch dereinst in grauen Haaren. (S. 67)
_____

More poems by Julius Grosse

  • Abschied

    Endlich Entscheidung - und ewig verloren,
    Ewig verstoßen - O still, ihr Klagen
    Traumentnüchterter Treugelübde! …
  • Aequinoctien

    Gleich den Tagen nun die Nächte.
    Stürme brausen thalhernieder,
    Stürme toben auch im Herzen, …
  • Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt

    Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt,
    Und alle Menschen schienen mir erhabener.
    Seit du mich aufgegeben, - wie vom Blitzesstrahl …
  • An der Kirchthür

    An der Kirchthür bin ich vorbeigegangen,
    In den Linden schlief der Wind.
    Ach, was mach' ich diesen lieben langen …

All poems by Julius Grosse →