An der Kirchthür

by Julius Grosse (1828–1902) · 1882 German

An der Kirchthür bin ich vorbeigegangen,
In den Linden schlief der Wind.
Ach, was mach' ich diesen lieben langen
Sonntag ohne dich, mein Kind?

An der Kirchthür sah ich fernes Leuchten,
Kerzen in der Altarpracht;
Doch zwei Augen mir viel schöner däuchten,
Augen, die an mich gedacht.

An der Kirchthür hört' ich fernes Singen
Zu der Orgel hehrem Klang,
Fühlt' ihn tief zu meinem Herzen dringen,
Wo die Sehnsucht heimlich sang.

Wär' zur Predigt wohl wie einst gegangen,
Wär' ich nicht schon himmelsreich,
Wär' ich nicht von Andacht schon umfangen,
Wär' ich noch mir selber gleich. (S. 7)
_____

More poems by Julius Grosse

  • Abschied

    Endlich Entscheidung - und ewig verloren,
    Ewig verstoßen - O still, ihr Klagen
    Traumentnüchterter Treugelübde! …
  • Aequinoctien

    Gleich den Tagen nun die Nächte.
    Stürme brausen thalhernieder,
    Stürme toben auch im Herzen, …
  • Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt

    Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt,
    Und alle Menschen schienen mir erhabener.
    Seit du mich aufgegeben, - wie vom Blitzesstrahl …
  • Armuth der Weisheit

    Ihr alten Bücher, glänzend noch bei Nacht
    In Gold und Leder und voll weiser Lehren,
    Ihr redet mir von einst'ger Kaiserpracht, …

All poems by Julius Grosse →