Ständchen

by Martin Greif (1839–1911) · 1909 German

"Wirf den Rossen Futter vor!
Hell erglänzt der Mond,
Reiten will ich vor das Tor,
Wo fein Liebchen wohnt."

Ritter schwang sich leicht aufs Roß,
Knappe hinterdrein,
Durch des Waldes Gipfel floß
Heller Vollmondschein.

"Liebchen, Liebchen, ich bin da,
Liebchen, mach mir auf,
An den Wolken geht schon nah
Morgenrot herauf."

""Glühet an den Wolken schon
Lichtes Morgenrot,
Kehr dein Roß und jag davon,
Bringst mir Angst und Not.""

"Bring dir, süßes trautes Lieb,
Wonne doch zur Pein,
Mach dir keine Sorgen trüb,
Reich den Kußmund dein!"

""Meinen Kußmund biet' ich nicht,
Brich dir eine Ros,
Weißt doch, wie man Rosen bricht
Jung vom Strauche los.""

"Weiß, wie schön die Rosen sind
Frühe still am Tag,
Doch dein Kuß, rotwangig Kind,
Besser munden mag."

""Reite in den Wald zurück,
Frag Frau Nachtigall'n,
Rät sie zu, im Augenblick
Laß ich's Schlüßlein fall'n.""

"Schlug Frau Nachtigall wie wild
Und vor Liebe toll,
Ruft nur, daß ihr Ebenbild
Zu ihr kommen soll."

""Also frag den Kuckuck du,
Der im Wald tut schrein,
Werf' dir dann von oben zu
Gern mein Schlüsselein.""

"Kuckuck ist kein Glücksprophet,
Mach mir auf das Tor,
Siehe dort, die Sonne geht
Blendend schon empor."

""Konnten so in Zucht und Ehr'
Plaudern eine Stund',
Komm fein morgen wieder her,
Mehr dann wird dir kund."" (S. 195-196)
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