Auf erinnerungsvollem Wege

by Martin Greif (1839–1911) · 1909 German

Sinnend folg' ich alten Spuren,
Denen lang ich ferne war:
Auf dem gleichen Wege fuhren
Beide wir vor manchem Jahr.

Du in junger Knospenfülle,
Ich in voller Jugendglut,
Du wie immer ernst und stille,
Ich in leicht erregtem Mut.

Wohl, ich suchte dir mit Scherzen
Zu erheitern deinen Sinn,
Schon dein Lächeln war ein Herzen,
Deine Seele lag darin.

Und so sprachen wir zusammen,
Zogst du nicht zu schweigen vor:
Worte, die von damals stammen,
Klingen mir wie neu im Ohr.

Drunten zog der Fluß zu Tale,
Und sein Rauschen drang herauf -
Welches Bild mit einem Male
Stieg dir in der Seele auf?

Seiner Stimme zugewendet
Horchtest du im tiefen Traum,
Was er dir heraufgesendet,
Ahnt' ich jenen Tag noch kaum.

Lang und schmerzlich sahst du nieder,
Plötzlich nahmst du mir die Hand -
Heut' des Weges zieh' ich wieder,
Längst bist du im Schattenland. (S. 13-14)
_____

More poems by Martin Greif

  • Abendgesichte

    Geh' ich abends still im Tale,
    Spricht zu mir dein milder Geist,
    Der mein Herz mit einem Male …
  • Am Brunnen

    Unter einem grünen Baum
    Hatt' ich einen schönen Traum
    Wohl bei einem rauschenden Brunnen. …
  • Am Oleanderbaum

    Es blüht vor einem stillen Haus
    Ein rosenroter Oleander -
    Dort, wann ich abends trat heraus, …
  • April

    Sonnengrüße, Wolkenschauer
    Und, noch eh' sich's klären will,
    Wiederum verhangne Trauer - …

All poems by Martin Greif →