In jedem deiner Worte kann ich's lesen:

by Felix Hübel (1874–1922) · 1907 German

IN jedem deiner Worte kann ich's lesen:
Du bist nicht mehr, nein, du bist schon gewesen!
Nicht daß dein Frühling ging und fast dein Sommer schwand,
nein, dies ist nichts! Dem Leben abgewandt
steht mancher, ehe er sein Leben lebte
und ehe ein Mal ihn die Glut durchbebte,
die Liebe heißt, und ehe er entbrannt
ein Mal zur Flamme seines höchsten Seins.
Doch diese sind nur in sich eingekehrt,
und ihre heißen Augen blicken tief,
und trunken sind sie jenes süßen Weins,
von dem so manchen Becher sie geleert,
als sie ihr Schicksal zum Gelage rief.
Nun rasten sie und werden neu erstehen
und werden stärker, werden heißer leben
und werden über allen Schmerzen schweben
und heiter, wie auf Blumenwiesen, gehen,
bis sie das Ziel erreichen, jene Tugend,
die große Liebe, starkes Leben heißt.
Doch du, hättst du auch eine zweite Jugend,
du wärest dennoch tot, denn niemand reißt
dein Herz empor aus der Versunkenheit,
in die du selbst dich stürztest, als dein Hoffen
keine Erfüllung fand. Als Dunkelheit
gleich einem Trauermantel dich umgab;
als der Enttäuschung Pfeil dich jäh getroffen,
da grubst du deinem Herzen selbst ein Grab —
und nimmer steht es auf. (S. 19)
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