Wiedersehen

by Ada Christen

[6]  Wiedersehen. In bangen Nächten, wenn der graue Wahnsinn Mit dürren Fingern an das Hirn mir pochte, Wenn glüh’nde Thränen meine Kissen netzten, Mein wildes Herz vor Zorn und Sehnsucht kochte –

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In solchen Nächten war mir der Gedanke,

Daß Du noch lebst, daß ich Dich wiedersehe, Ein Stern, nach dem ich zitternd hob die Hände – Und trotzig weiter schleppt’ ich dann mein Wehe. Ich sah Dich wieder – wieder plötzlich flammten

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Sie alle auf, die alten Wahnsinnsgluthen,

Der wilde Zorn, der Schmerz, die herbe Liebe – Es war, als müßte ich vor Dir verbluten. Du aber standest mit dem argen Lächeln, Das mir bekannt aus gottverfluchten Tagen;

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Der fahle Blick macht mir das Herz erstarren:

Es war ein freches, antwortsich’res Fragen! [7] Und Deine Hände streckten fieberglühend Sich plötzlich so begehrend mir entgegen, Und mehr und mehr sah ich Dein Bild erblassen,

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Das mich begleitet einst auf allen Wegen:

„Das ist er nicht!“ schrie es in meiner Seele, „So war er nie, so kann er nimmer werden.“ Wofür wär’ meine Seligkeit verspielet, Wofür wär’ ich verflucht – verflucht auf Erden! – –

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