Trauriger Gang

by Alfred Meißner (1822–1885) · 1846 German

Du schöner, friedvoller Abend,
Du strömest dich aus in Licht
Die Herzen alle erlabend,
Nur meines, nur meines nicht.

Der Strom mit den tausend hellen
Goldlichtern rauschet so süß,
Es ist als gingen die Wellen
Noch heute in's Paradies!

Ich aber wandle trübe
Am Strande und finde nicht Ruh,
O Geist unglücklicher Liebe
Was wühlet und quälet wie du!

Ich frage: und ahnt sie die Qualen
Nicht deiner schlaflosen Nacht,
Und weißt sie nicht wie die Strahlen
Ihres Auges dich elend gemacht!

Sie sieht doch die Seele jammern
In deinem brechenden Blick,
Die zagende Hoffnung sich klammern
An ein versinkend Geschick!

Was stößt sie dich, armen Schwimmer
Nicht stumm in die Flut und still,
Wenn sie an ihr Herz dich nimmer
Und nimmer dich retten will? -

Aufrauschet das schwarze Gewässer,
Es ruft mich zu sich herein,
Ein rasches Sterben wär' besser
Als solche bangende Pein!

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 274-276)

More poems by Alfred Meißner

  • Abschied

    Gebrochnes Herz, zerriss'nes Leben,
    Gefallner Engel, stumm und blaß,
    Dem ich an Rosen wollte geben, …
  • Am Tag, wo ich dich nicht gesehen

    Am Tag, wo ich dich nicht gesehen,
    Hab ich mich selber auch vermißt;
    Wie kann die Sonne untergehen, …
  • An Agnes

    In den Bildern von Watteau
    Sehn wir auf beblümten Wiesen
    Wandeln, jung und lebensfroh, …
  • An Eine

    Die Lilje in der Gruft
    Geheimnißdunkler Haine,
    Sie hat für ihren Duft …

All poems by Alfred Meißner →