Traum

by Hans Hopfen (1835–1904) · 1883 German

Der Gaukler Traum - ein schlimmes Zeichen! -
Trat in den Dienst der Zauberin
Und narrt mit Bildern ohne Gleichen
Mir vollends den betroffnen Sinn.

An eine fliehende Wolkenkette
Gefesselt schien die Erde mir.
Und mit den Wolken um die Wette
Und mit dem Winde flogen wir.

Sie saß vor mir auf ihrem Pferde
Und flüsterte, sie stürbe gern.
Von roten Funken stob die Erde.
Aus jedem Funken wuchs ein Stern.

Um meinen Hals wie weiße Schlangen
Wand sie die Arme nackt und fahl;
Ein Thränlein glitt von ihren Wangen,
Von ihrem Haar des Mondes Strahl.

Sie küßte mich und sprach ganz leise:
"Ich liebte dich, Gott weiß, wie lang!"
Dann frug sie: "Wohin geht die Reise?
Mir ist um unsre Seelen bang!"

Ich sprach: "Sei still! und laß uns reiten,
Weil's viel noch zu erreiten giebt,
Ein fernes Land und ferne Zeiten,
Wo ich zum ersten Mal geliebt." (S. 94-95)
_____

More poems by Hans Hopfen

  • Am anderen Tag

    mit einer roten Camelie und einer weißen Nelke
    Wenn heute bei verschlossnen Thüren
    Dein Herz mit diesen Blumen spricht …
  • An Irene

    Nachts wenn alle Rosen weinen,
    Weil der Lenz im Sterben liegt,
    Möcht' ich dir im Traum erscheinen, …
  • Auf dem Wasser

    Schön war die Nacht. Ich zog das Ruder ein.
    Der Vollmond warf durch schwarzgezackte Bäume
    Weithin auf's Wasser einen breiten Schein, …
  • Auf meinen Wimpern liegt's wie Blei

    Auf meinen Wimpern liegt's wie Blei,
    Die müden Glieder schwanken,
    Im Knäul verworrner Träumerei …

All poems by Hans Hopfen →