Du sinnest träumerisch und schweigest

by Hans Hopfen (1835–1904) · 1883 German

Den Blick zur Erde hingewandt,
Du sinnest träumerisch und neigest
Das Haupt in deine liebe Hand.
Wie ein erbleichend Frührot flieget
Ein Lächeln über dein Gesicht -
In Traumes Dämmrung eingewieget
Wie bist du schön und weißt es nicht!

An den verschlossnen Busen legen
Möcht' ich mein eifersüchtig Ohr,
Ablauschen deines Herzens Schlägen
Was sein Geheimniß sich erkor.
Ich seh dich an, es flieht die Stunde,
Wie find' ich deines Sinnens Spur?
Kein Wörtlein geht aus deinem Munde,
Du neigst das Haupt und lächelst nur.

So steht vor funkelnden Palästen
Stillfröstelnd in der Winternacht
Ein Armer, wenn zu stolzen Festen
Sich Herrlichkeit vereint mit Macht.
Von droben aus des Reigens Klängen
Fällt selten nur ein irrer Laut,
Ihm aber will's die Brust zersprengen
Um Wunder, die er nie geschaut. (S. 6-7)
_____


More poems by Hans Hopfen

  • Am anderen Tag

    mit einer roten Camelie und einer weißen Nelke
    Wenn heute bei verschlossnen Thüren
    Dein Herz mit diesen Blumen spricht …
  • An Irene

    Nachts wenn alle Rosen weinen,
    Weil der Lenz im Sterben liegt,
    Möcht' ich dir im Traum erscheinen, …
  • Auf dem Wasser

    Schön war die Nacht. Ich zog das Ruder ein.
    Der Vollmond warf durch schwarzgezackte Bäume
    Weithin auf's Wasser einen breiten Schein, …
  • Auf meinen Wimpern liegt's wie Blei

    Auf meinen Wimpern liegt's wie Blei,
    Die müden Glieder schwanken,
    Im Knäul verworrner Träumerei …

All poems by Hans Hopfen →