Still lag das Meer

by Marie Eugenie Delle Grazie

[121]  Tiberius.  1. Still lag das Meer; die Höh’, die wir erklommen Erstrahlte in des Abends satter Gluth Und durch die Lüfte kam ein Hauch geschwommen, Geheimnisvoll erregend Hirn und Blut –

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Narzissenduft.... und vor mir die Ruinen

Tiber’s, d’rin Haß und Wollust einst gehaust, Vom letzten Glanz des Tages mild beschienen, Vom Donnergruß des Meer’s wie einst umbraust. Noch leuchtet bunt der Mosaik der Fliesen,

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Noch hebt sich hier und dort ein Säulenstumpf,

Zerschmettert, einem hingestürzten Riesen Vergleichbar; doch die Luft geht schwül und dumpf, Beklemmend – und ein räthselhaftes Grauen Beschlich mit einem Mal mir Herz und Sinn,

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Als gält’s, ein Fürchterliches hier zu schauen,

Als trät’ der Schrecken plötzlich vor mich hin, Und lachte gell, und schüttelte die Locken, Und säh’ mich an, medusenhaft und stier, Daß in den Adern mir die Pulse stocken - -

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„Da bin ich, Menschlein – nun, Du riefst nach mir!“

Doch still blieb es um mich; und träumend lenkte Die Schritte ich der Felsenbrüstung zu: Schon war die Sonn’ erloschen, Dämm’rung senkte Sich flaumig auf der Wogen glatte Ruh’; [122]

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Geräuschlos strich die Möve hin und wieder,

Und kühl umwehte mich des Abends Hauch, Aus einer Barke klangen Fischerlieder, Fern kräuselte sich eines Dampfers Rauch.... Da hört’ ich hinter mir ein seltsam Rufen -

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So spöttisch-hell.... scheu ging mein Blick umher –

Dann wandt’ ich mich – und vor mir, aus den Stufen Der Eremitenklause stand – Tiber!

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