Sie haben sich grausam zerstritten

by Marie Eugenie Delle Grazie

[23]  Straßenbilder.  1. Sie haben sich grausam zerstritten Und sind sich doch täglich so nah, Die schmucksten der schmucken Modelle Vor Santa Trinità;

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Er pfaucht in der Tracht der Campagna

Gewuchtigen Schritt’s auf und ab; Sie lacht zur Piazza di Spagna Mit süßem Mund hinab. Er fühlt es, doch will es nicht sehen –

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Sie merkt es und quält ihn noch mehr,

Und möcht’ doch vor Sehnsucht vergehen, Denn ach! sie fühlt wie er.... Kein Kosen, kein Winken, kein Nicken Wie sonst – o gepeinigtes Herz!

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Wie qualvoll, so frostig zu blicken,

Wie grausam dieser Scherz! Da schlendert vom Pincio herunter Ein Maler und hält vor ihr ein – „Du stehst mir noch heute! Sei munter,

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Ein schöner Preis ist dein!

[24] Solch Lärvchen just sucht’ ich schon lange – Doch sag mir, wo find’ ich dein Paar?“ – Er fragt es und streicht ihr die Wange, Das schwarze, sammt’ne Haar....

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Sie nestelt verlegen am Tuche –

Giuseppe! – nun hat er’s geseh’n! Schon naht er mit zornigem Fluche – Sein Dolch – gleich ist’s gescheh’n – – „Signor!“ doch er lacht nur, der Fremde:

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„Beim Himmel! Just frug ich nach dir,

Bandit du, im bauschigen Hemde, Ich male dich mit ihr! Doch dürft ihr so trotzig nicht blicken, Ich brauch’ heut’ ein zärtliches Paar!“

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Sie kichert – er lächelt – sie nicken

Und treten aus der Schaar.

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