Historia, wie der jung edelman Anastasius ein jungkfraw erwarb durch ein erschröcklich gesicht zweyer geist.

Inn der alten statt Ravenna,
Welche ligt inn Romania,
Da wondt ein junger edelman,
Sehr reich, höflich und wolgethan,
War Anastasius genennet,
Welcher in strenger liebe brennet
Gen einer jungkfraw von edlem stamen
Deß gschlechts Traversini mit namen,
Schön, züchtig, wirdiger geberd,
Der er zu rechter eh begerd.
Sie aber wolt sein gentzlich nit,
Schlug ab all sein werbung und bitt,
Veracht sein stechen und durnieren,
Sein dienen, bulen und hofieren,
Wann sie war stoltz und ubermütig.
Deß wurd der jung schier doll und wütig,
Gedacht sich selber offt zu tödten,
Fürnamb im auch in diesen nöten,
Vonn ir zu wenden all sein gunst.
Sein anschleg waren all umb sunst.
Wie sein hoffnung wurd kalt und enger,
So wurd sein lieb hitzig und strenger.
Derhalb sein freundschafft ihn erpat,
Ein weil zu ziehen auß der stat,
Auff sein sitz sein zeit zu verzern,
Ob sich sein glück auch wolt verkern
Und end nemb sein grosser unkost.
Also der jung on allen trost
Ritt auff sein herren-sitz hinnauß
Drey meyl; da er hielt ehrlich hauß
Mit jagen, paißn und gastereyen.
Eins freytags im angeenden mayen
Gieng er eynig allein spacieren,
Inn einen grünen walt refieren,
Nur fuß für fuß, in viel gedencken.
Der lieb thet er sich hart bekrencken.
Sein senend hertz war hart verwund.
Als es war nach der fünfften stund,
Hört er gar ein kleglichen gal,
Das es im finstren walt erhal,
Der ihn auß sein gedancken schrecket,
Sein angsicht ab gen walde strecket.
Herlauffen sach er inn der wild
Ein muter-nackat frawen-bild
Mit goldfarbem zerstrewtem har.
Ir leib aller zerrissen war
Von dörnern, uberal verwund.
Neben ir loffen zwen jaghund,
Die ihr stäts lagen in den seyten.
Nach ir sach er ein ritter reyten
Auff einem gantz kolschwartzen pferd
Grimigklich mit gezucktem schwerdt,
Der ir zu nemen gert den leib.
Waynend so schrier das ellend weib
Umb hilff und rettung; also fast
Der edelman erwischt ein ast,
Fürloff den weg und redt ihn an:
Diß steet nicht zu eym edlen man,
Ein nackat weibes-bild zu hetzen,
An ehren noch an leib zu letzen.
Der antwort: Anastasii,
Geh deiner rettung müssig hie!
Laß Gottes urtheil mich verbringen!
Er sprach: Bericht mich in den dingen!
Wer bist du, das du mich thust nennen?
Er antwort: Solt ich dich nit kennen?
Ich bin auß deiner stat geboren
Und herr Quido genennet woren,
Ein ritter, weil du warst ein kind.
Aber ich fiel in lieb erblind
Gen dieser aller-hertsten frawen,
Die gar verachtet mein vertrawen.
Sie war hochtragend alle frist,
Wie du denn auch verachtet bist
Von der, die du gerst zu der eh.
Das thet mir also hertzlich weh,
Weil gar kein hoffnung ich mehr sach,
Als ein verzagter mich erstach
Mit diesem schwerdt und wurd verdampt.
Inn freuden wurd das weib erflampt,
Das ich allso ellend verdarb.
Inn kurtzer zeit das weib auch starb,
Wurd verurtheilt inn die vorhell,
Da wir denn beyde leiden quel
Inn gleichem jamer, angst und plag.
Iedoch biß auff den jüngsten tag
Von Gott uns geben ist zu buß
Das sie mich also fliehen muß
Mit sollichem wainen und klagen
Und ich muß ir also nach jagen.
Wenn ichs ergreiff, muß ich mich rechen
Und sie mit diesem schwerdt durchstechen.
Dann schneid ich auf irn leib mit schmertz
Und reiß ir kalt liebloses hertz
Herauß und gib es diesen hunden.
Da wirdts zerfressen und verschlunden.
Als denn fert das weib wider auff
Und fleucht weiter mit schwindem lauff,
Wie du es wirdst mit augen sehen.
Das muß all freytag hie geschehen
Inn dieser stund, an diesem ort.
Als der geist redet diese wort,
Der jüngling wich, erschluchset gar,
Gen berg im stunden alle har,
Die erschröcklichen that zu schawen
Inn dem fielen beyd hund der frawen
Inn ihre diech, hieltens mit grim.
Sie waynt und begert gnad von ihm.
Er aber durchstachs mit dem schwerdt,
Das sie sanck nider zu der erd.
Darnach auff schnit er dieses weib
Und reiß herauß von ihrem leib
Ir hertz sampt allem ingewayd.
Das warff er für die hund allbayd.
Die frassens als die grimmen löwen.
Nach dem thet sich das weib aufheben
Und loff widerumb ein gehn holtz.
Ir henget nach der ritter stoltz
Mit sein hunden und kam gericht
Anastasio auß dem gsicht,
Der gar in grossen forchten stund
Und dem gesicht nachtrachten gund,
Merckt eben die zeit und das ort,
Kam haym, sagt darvon gar kein wort,
Schrieb sein freunden gehn Ravenna,
Das sie im solten laden da
Herren Paulus Traversiner,
Sein haußfraw sampt ihrer tochter,
Welcher er gar nit kund vergessen,
Mit ihm auff seinem sitz zu essen,
Auff den künfftigen freytag fru.
Darauff da ließ er richten zu
Ein köstlich mal auffs aller-best.
Als nun kamen sein edle gest
Sampt seiner freundschafft, glaid ers bald
Vom sitz in diesen grünen walt,
Da er drey tisch bereytet het
Gleich an die vorgemelten stet,
Darumb gesteckt vil grüner wedel.
Da setzet er sein geste edel
Sambt der aller-liebsten zu tisch.
Auff trug man köstlich tracht von visch.
An getränck war kein mangel nicht.
Als man aß an der letzten richt,
Hörtens das erschröcklich waidwerck
Im walt herauff schallen den berck.
Auf furens diese ding zu schawen
Und sahen die nackaten frawen
Lauffen und waynen also pitter,
Nachfolgen bayd hund und den ritter.
Etlich mann woltn ir halten schutz.
Der ritter mit hefftigem drutz
Zeygt alle ding ihn eben an,
Wie er Anastasi het than.
Da zugens alle hindersich.
Inn dem der ritter grimmigklich
Das weib mit seinem schwerd durchstach,
Schnit ir herauß ir hertz zu rach,
Gab es zu essen seinen hunden.
Nach dem die geist im wald verschwunden.
Die edlen gest stunden in wunder.
Es waren etlich alt darunder,
Die sie hetten kendt alle beydt
Und wol westen, das er vor layd
Der frawen halb sich het erstochen
Und Gott ir leben het ab brochen.
Ir bayder unfal thet sie dawren
Deß stundens erschluchtzet in trawren
Und sunderlich die jung und zart
Jungkfraw, die in lieb ward so hart
Dem edlen Anastasio,
Forcht, er wurd hetzen sie also
Umb ihr hert und versagte lieb.
Groß forcht und schreck sie darzu trieb,
Das sie ihm günstig wurd und hold,
Zu rechter eh ihn haben wolt.
Also mit ihrer eltren willen
Gab man zusamen in der stillen
Die jungen und all sach abretten.
Den nechsten sontag hochzeit hetten
Und lebten darnach lange zeit
Inn frewden, lieb und aynigkeyt
Und alles wollust uberfluß,
Schreibt Johannes Bocatius.

Beschluß.

Auß dem drey lehr man nemen mag:
Erstlich, wer züchtig liebe trag,
Ob man sich gleich stelt rauch dermassen,
Sol man nicht liederlich ablassen:
Zum andren, wo in gleichem nam
Jugend, adel, reichthumb und stam
Eins des andren zu ehren gert,
So ist ein mensch des andren wert,
Sol mans nicht hochmütig abschlagen;
Zum dritten, wie die alten sagen,
Ein schad sey des anderen glück,
Das find sich auch in diesem stück,
Deß herr Quido ellend verdarb.
Anastasius im erwarb
Ein endung seines ungemachs
Im ehling stand, so spricht Hans Sachs.
Anno salutis 1540, am 6 tag Septembris.
(Band 2 S. 245-250)
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Collection: 
1870

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