Über Nacht

Im frühsten Lenze hat sie mich
Geküßt bei Tagesneige;
Es stahl ein Abendlüftchen sich
Durch zitternde Pappelzweige.

O Lüftlein, das so leis genaht,
Du wardst ein Stürmen und Sausen,
Und ihrer Lippe stille That
Ein Gähren und ein Brausen,

Das nächtlich kam, in wilder Lust
Die Forste zu zerwühlen,
Das sich in meiner heißen Brust
Nicht legen will und kühlen.

Ich seh' die Bäume des Morgens an;
Wie steht ihr so ruhig draußen! -
Euch ward nicht Liebe angethan,
Sonst müßtet ihr selig brausen.

aus: Gedichte von J. G. Fischer
Dritte vermehrte und aus verschiedenen Sammlungen
vervollständigte Auflage
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1883

Collection: 
1883

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