Als sie auff dem Clavir spielte und drein sang

Wie lange muß dein knecht doch etwas von dir bitten /
Worinnen man dich nicht genung bewundern kan;
Ein stümper darff sich nur vor frembden ohren hütten;
Du aber greiffst den ruhm der besten meister an /
Und kanst dich über sie mit gutem rechte setzen /
Doch deine demuth schlägt dergleichen lobspruch aus /
Und spricht: Mein singen ist nicht tüchtig zu ergötzen /
Mein spielen kombt noch gar zu ungeübt heraus.
Ach schönste! kanstu wohl mit wahrheit solches sagen?
Verzeih / ich glaube dir / in diesem stücke / nicht;
Jedennoch wirstu mich am allerbesten schlagen /
Wo finger und Clavir das zeugnüß selber spricht;
Wo deine stimme mich wird etwas anders lehren /
Und wo mich deine hand durch spielen überweist /
Erhalt ich diesen wunsch / so wirstu selber hören /
Daß meine liebe dich / mit gutem rechte / preist.
So bath ich / als wir nechst allein beysammen waren /
Und ich dein Clavicord eröffnet stehen fand;
Du liessest mir das glück' auc endlich wiederfahren /
Und nahmst das Notenbuch und dein Clavir zur hand.
O himmel! O / was hab ich wunder da gesehen /
Was hab ich da gehört! ich stund als wie entzückt /
Um meine freyheit war es längst zuvor geschehen /
Sonst hättest du gewiß sie dazumahl bestrickt.
Du spieltest ungemein; es kamen läuffer / fugen /
Und sonst ein schwerer griff dir als was leichtes für /
Die finger flogen recht / wann sie geschwinde schlugen /
Und / zeigten überall die trefflichste manier;
Der beste meister muß hier seine seegel streichen /
Wenn deine schöne hand sich ihm' entgegen setzt /
Ja selbst Francesco wird dein lob nicht halb erreichen /
Ob ihn die albre welt schon unvergleichlich schätzt.
Noch mehr bewegte mich dein ungemeines singen /
Die schöne stimme war der engel stimme gleich /
Ich wüntschte meine zeit stets also zuzubringen /
Es dauchte mich dein hauß ein rechtes himmelreich.
Weg! weg! Italien! mit deinen sängerinnen /
Die der gemeine ruff biß an die sterne hebt /
Du wirst hinfort durch sie ein schlechtes lob gewinnen /
So lang' Elysiens Lisette nur noch lebt.
Weg ihr Castraten weg mit den Coloraturen!
Die stimme will bey euch schon etwas heischer seyn;
Hingegen machet hier Lisetttens hand figuren /
Und singt ihr schöner mund / so ist es ungemein.
So dacht ich dazumahl und itzo muß ichs schreiben /
Damit du sehen kanst / ich habe wahr gesagt /
Als ich dein lob erhöht; es wird auch ewig bleiben /
So lange nur der Welt die liebligkeit behagt.
Zwar deine höffligkeit will diesen ruhm nicht leiden /
Und du verachst dich selbst / allein es ist nicht recht;
Damit du künfftig nun must diese Sünde meiden /
So soll die straffe seyn ein kuß von deinem knecht'.
In dessen lebe wol / die freude heist mich schliessen /
Die mir die hoffnung macht / daß ich dich küssen soll;
Ich weiß du wirst die schuld mit gutem willen büssen /
Drum schreib ich recht vergnügt: mein engel lebe wol.
(Theil 4 S. 49-50)

Collection: 
1709

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