Naenie

Wie der Jahre bekränzte Fülle das Auge mir blendet!
wie schon trägt mir die Hand leichter das harte Gewicht.
Jüngling war ich, es hing die Stirne dem schwärmenden Kinde
allen Schmerzen zum Spiel schwer zur Erde hinab.
Aber gealtert schüttelt die Seele den Schwänen vergleichbar
ihr Gefieder und strebt wieder zum Lichte hinauf.
Nächte waren genug - es endet die längste der Nächte,
Morgenröte erhebt donnernd das schauernde Haupt.
Saget mir nichts von Flucht, entflieht denn die Freude, ihr Freunde?
Seht, wie ein schmeichelndes Kätzchen drängt sich das Leben heran.
Fangt es doch auf und fühlt der Liebsten gerundeten Busen,
wie er die Höhlung erfüllt wünschend geöffneter Hand.
Wie in dem Auge sich spiegelt unendliche Bläue der Wälder,
wie an den Schläfen entblüht lieblich das braune Gespinst.
Eine Stunde nur war's dem flammenden Atem der Jugend,
immer war's auf der Flucht, niemals stand es uns still.
Ach, wie jagten wir stolz, ein jeder war Meleager
wenn durch den nächtlichen Park scheu die Geliebte uns floh.
Wie doch in bebenden Armen die Beute die schlanke uns glühte,
störrisch zum zitternden Kuß hob sich das kindliche Haupt.
Was einst stürmisch uns hielt mit Wunsch und Blitz und Begierde
eilends ging es dahin wie eine Wolke der Nacht.
Aber von Rosen umduftet, wie das Erinnern sich andrängt,
Und das Vergangene kühlt friedlich die alternde Stirn.
Wohl, die Jugend entschwand. Auch du, du immer Geliebte
gingst mit weinendem Blick wie ein gescholtenes Kind.
Doch dem beruhigten Herzen erneut sich das Wunder des Lebens
und wie ein goldenes Jahr kehrt die Geliebte zurück.
Ja, Marianne, du kehrst, beschworen von ewigen Kräften,
du, mein schmerzliches Glück, blühst mir wieder zurück.
Bitter war mir der Tag und bitter die Stunde des Abschieds.
wahrlich bitter der Trank, den mir Locusta gebraut.
Ach, der rötliche Herbst, mich Einsamen naht er zu trösten,
Und der schweigende Schnee findet den Armen allein.
Aber das goldene, das rollende Jahr entatmet geschwinde
und der Flieder des Mai's bindet dich wieder an mich.
Oh, nur einmal noch schließ dein hungerndes Kind in die Arme
Sieh, wie es weint!
Und deiner zärtlichen Stirn senkt es vertrauend das Haupt.

_____

Collection: 
1961

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