Nacht

by Karoline von Fidler (1801–1874) · 1844 German

Streife über meine Saiten
Feuchter Hauch der stillen Nacht,
Laß die Töne schwellend gleiten,
Wo der Liebe Sehnen wacht;
Hebe leicht wie Blüthenflocken
Mir die losgebund'nen Locken,
Daß sich rein das sanfte Licht
In des Auges Thräne bricht.

Oeffnet euch verborg'ne Pforten,
Heil'ge Schauer weht mich an!
Daß gewiegt auf Engelsworten
Meine Seele schlummern kann,
Daß begraben unter Düften,
Von des Mondes thau'gen Lüften
Aufgelöst, mein Herz vergißt,
Daß es Tag gewesen ist.

Ach aus tausend Götteraugen
Strömt der Blicke Himmelslust,
Und sie durstig einzusaugen
Thut sich auf die heiße Brust;
Ew'ge Liebesarme breiten
Sich in ungemess'ne Weiten,
Durch den festverschloss'nen Mund
Wird der Geist dem Geiste kund. (S. 53-54)
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