Herz

by Karoline von Fidler (1801–1874) · 1844 German

In Lieb' und Dank sich selig auszudehnen
Ist meines Herzens heiligster Beruf!
Ob Himmelslust, ob ungestilltes Sehnen
Den feuchten Strahl im Seelenspiegel schuf,
Er thauet kühlend auf die heiße Brust,
Die der Bedeutung Tiefe sich bewußt.

Wenn stolz der Geist im kühnen Flügelschlagen
Zum Aether dringt und sich mit Göttern mißt,
Wenn die Gedanken ihn zur Sonne tragen,
Geschieht es leicht, daß er das Herz vergißt;
Dann klopft's verlassen, arm, sich müd' und matt,
Und bleibt doch einsam, macht's nicht Liebe satt.

Aus allen Pulsen sehnt sich's hinzufließen
Ein Liebesmeer, des Lebens warme Fluth,
Und für die Theuren freudig auszugießen
Den letzten dieser reinen Gluth;
Der Liebe Dauer zeigt sein Schlag mir an,
D'rum lieb' ich auch, so lang' es klopfen kann!

Und wie der Geist die Götterschwingen breitet,
So breite du die Menschen-Arme Herz!
Wie er sich füllend ewig neu sich weitet,
So habe Raum für Liebes-Lust und -Schmerz!
Und wenn er dir in solchem Kampf entschwebt,
Dann schlafe nur, du hast genug gelebt! (S. 48-49)
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