Letzte Lieder

by Ada Christen

[79]  Letzte Lieder.  I. Schwarz und still in meinem Hirn, Schwarz und still in meiner Stube, Nur der Pendel meiner Uhr Hüpfet wie ein munt’rer Bube. Plötzlich zuckt auf Deinem Bild, Farblos, wie auf einem Grabe – Ein verirrter Mondenstrahl, Mahnt, daß ich noch Thränen habe. [80]  II. Ist es Friede, ist es Glück, Was durch meine Träume zieht, Unsichtbar, wie Blumenduft, Leise, wie ein Kindeslied? Kehrt die Jugend mir zurück, Jene Sehnsucht, die mich mied, Seit des Lebens kalte Luft Mich und meine Seele schied? [81]  III. Durch die dicht verhängten Fenster Dringt das dumpfe Wagenrollen, Und verscheucht die Nachtgespenster, Die im Traum mir nahen wollen. Aber rauschend durch mein Zimmer Wogt ein Meer von wirren Tönen, Und aus all’ dem Schmerzgewimmer Hör’ ich meine Seele stöhnen! Hör’ ich meine Seele weinen – Nicht um dieses Leibes Sterben – Doch es bangt ihr vor dem kleinen, Müden, einsamen Verderben. [82]  IV. Über meinem Lager hängt, Welk, bestaubt und abgestorben, Ein beflorter Lorbeerkranz Neben Myrthen, längst verdorben. Und in meinem Fiebertraum Schaute ich sie wieder blühen – Und mich selber jugendfreudig Unter ihrem Duft erglühen. Aber ach, das Fieber schwand. Welk, so wie mein eig’nes Leben, Schaue ich die Kränze dort Nur an dünnen Fäden schweben. [83]  V. Der alte Kampf ist ausgekämpft; Weit hinter mir liegt jede Qual, Es fiel in meines Lebens Frost Der erste warme Sonnenstrahl. Weit hinter mir liegt Groll und Leid Durch milde Thränen aufgethaut. Mein Auge hat zum ersten Mal Die Wahrheit und das Glück geschaut. [84]  VI. Leg’ auf mein Haupt, so fieberheiß, Die kühle weiche Hand, Mein brennend Antlitz wende leis’ Und sachte hin zur Wand; Es ist so schwer mein Augenlied Daß ich’s nicht heben kann, Und meine Lippe dürr’ und müd’ O schaue mich nicht an! – Wend’ sachte mein Gesicht zur Wand; Kann ich Dich auch nicht seh’n, Fühl’ ich doch Deine weiche Hand Und Deines Athem’s Weh’n. [85]  VII. Rasch durch das dunkle Zimmer huscht Mein Vogel, traurig singend, Er will hinaus in’s Sonnenlicht, Er zwitschert schüchtern-dringend. Flieg’ in die kalte fremde Welt, Flieg’ über Thal und Hügel, Du kleiner Vogel, hast ja heut’ Noch ungebroch’ne Flügel. – [86]  VIII. Es pfeift der Wind sein frostig Lied, Und eiserstarrte Tropfen Wirft klirrend an die Scheiben er, Die Kranken wach zu klopfen. Die alte Frau an meinem Bett Nickt müd’, in Schlaf versunken, Die Kohlen im Kamine sprüh’n Bei jedem Windstoß Funken. Aufhorchend knurrt der kleine Hund, Um ächzend fortzuträumen, Das Lampenlicht spielt flackernd roth Mit der Tapete Bäumen. Der nackten Göttin weißes Bild Lacht höhnisch auf mich nieder. Es pfeift der Wind – Gedanken zieh’n. – Ich find’ den Schlaf nicht wieder. [87]  IX. Leg’ Du mich in den Sarg hinein, Schließ Du den Deckel zu, Und hinter meinem Sarg allein, Geh’ Du – Niemand als Du. Den ich geliebt, und Leid’s gethan Warst Du – nur Du allein .... Komm’ nie zu meinem Grabe Mann, Ich will vergessen sein.

More poems by Ada Christen

All poems by Ada Christen →