Hymne

by Rene Schickele (1883–1940) · 1920 German

In ihren Umarmungen blühte die Erde,
ihr Herzschlag in diesen Nächten rührte die Welt.
Der Morgen hob mit sorgsamer Gebärde
den Vorhang von dem Himmelszelt,
worin unsre Herzen schliefen.

Ihre Augen im Tau der Frühe waren diamantne Schächte.

Wir horchten, wie in unserm Blut die Stunden liefen,
Hand in Hand, und durch den Abend dann, von Gluten triefend
in die grenzenlosen Ebenen der Nächte.

Sie stürzten umschlungen, als auf einmal Nachtigallen riefen.

Auf der Sanftmut ihrer Haare senkten Dämmerungen sich hernieder,
schimmernde, bestirnte Himmel waren ihre Glieder,
zwanzig Nachtigallen litten Lust in ihrer Kehle.

Unter der Berührung ihrer Hände bebte die verschlungne Seele.

Aus ihren Haaren stieg der große Mond. (S. 55)
_____

More poems by Rene Schickele

  • Ballade

    Madame will wissen, wer ich bin?
    Madame will wissen, wo ich steh?
    Madame will wissen, welchen Weg …
  • Ballade von der Frau Minne

    Dein glühend Reich dehnt sich von Ost nach West,
    zehn Tagemärsche sind von einer Lust zur andern.
    Vieltausend Helden wollten dich durchwandern, …
  • Denk ich an deinen Mund, o Frau

    Denk ich an deinen Mund, o Frau,
    du Liebe,
    blühn Himmel warmen Bluts, das dargebracht …
  • Der Gläubige

    Zu Tod und Verklärung lockt der Frauen Schoß.
    Das ist die Nacht, die auf unsern Augen ruht,
    und das ihr Lächeln wirr und groß. …

All poems by Rene Schickele →