Ballade von der Frau Minne

by Rene Schickele (1883–1940) · 1920 German

Dein glühend Reich dehnt sich von Ost nach West,
zehn Tagemärsche sind von einer Lust zur andern.
Vieltausend Helden wollten dich durchwandern,
denn deine ferne Sonne schien ein Fest.

Sie fielen in die Schlünde deiner Augen.
Erblindeten an deiner Brüste Rand.
Es stach mit Wahnsinn sie der Sonnenbrand,
sie mordeten, um frisches Blut zu saugen.

An deinen Lenden endete das Schlachten nie,
mit letzten Kräften kämpften sie vor deinen Toren.
Manch Heldenlied ward unter Schwertern da geboren,
doch jeder, der es sang, verstummte jäh und schrie.

In deinem Haar, das über Berge klettert, wohnen
die Geister jener Helden, die dein glühend Reich verschlang,
sie spielen Minne wie die Kinder, Ewigkeiten lang,
sie sprechen wie Musik und tragen kleine Kronen. (S. 63)
_____

More poems by Rene Schickele

  • Ballade

    Madame will wissen, wer ich bin?
    Madame will wissen, wo ich steh?
    Madame will wissen, welchen Weg …
  • Denk ich an deinen Mund, o Frau

    Denk ich an deinen Mund, o Frau,
    du Liebe,
    blühn Himmel warmen Bluts, das dargebracht …
  • Der Gläubige

    Zu Tod und Verklärung lockt der Frauen Schoß.
    Das ist die Nacht, die auf unsern Augen ruht,
    und das ihr Lächeln wirr und groß. …
  • Erinnerung

    Hab ich dich damals in den Armen denn gehalten
    und fest an mich gedrückt?
    Versank ich nachts entzückt …

All poems by Rene Schickele →