Fresia

by Joachim Ringelnatz (1883–1934) · 1994 German

Fresia heißt eine blasse Blüte
Vornehmer, feiner Art.
Ihre Linien sind weich und zart.
Auf dem Seidengelb prangen erglühte
Rosige Schatten.
Fresia füllt mit liebesmatten,
Schweren, süßen Wolken die Luft,
Haucht einen heißen, sündigen Duft,
Der dir indische Märchen erzählt,
Der, vom Winde zerstäubt,
Dich lange noch quält,
Der dich belügt und dich schmeichelnd betäubt.
Ihre Schönheit birgt kein Gemüt.
Du lernst sie hassen.
Fresia mußt du rauh befassen,
Mußt sie töten, eh sie verblüht.
Ihre Schwäche und Güte
Werden von vielen verkannt. – –
Fresia heißt die Blüte. – – –
Fresia ist auch ein Mädchen,
Das ich nach dieser Blüte benannt.
(Band 1 S. 32-33)
_____

More poems by Joachim Ringelnatz

  • Hafenkneipe

    Hafenkneipe
    In der Kneipe „Zum Südwester“
    Sitzt der Bruder mit der Schwester …
  • Ein ganzes Leben

    Ein ganzes Leben
    „Weißt Du noch,“ so frug die Eintagsfliege
    Abends, „wie ich auf der Stiege …
  • Abschiedsworte an Pellka

    Abschiedsworte an Pellka
    Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
    Du Ungleichrunde, …
  • Die Ameisen

    Die Ameisen
    In Hamburg lebten zwei Ameisen,
    Die wollten nach Australien reisen. …

All poems by Joachim Ringelnatz →