Hafenkneipe
In der Kneipe „Zum Südwester“
Sitzt der Bruder mit der Schwester
Hand in Hand.
Zwar der Bruder ist kein Bruder,
Doch die Schwester ist ein Luder
Und das braune Mädchen stammt aus Feuerland.
In der Kneipe „Zum Südwester“
Ballt sich manchmal eine Hand,
Knallt ein Möbel an die Wand.
Doch in jener selben Schenke
Schäumt um einfache Getränke
Schwer erkämpftes Seemannsglück.
Die Matrosen kommen, gehen.
Alles lebt vom Wiedersehen.
Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.
Durch die Fensterscheibe aber träumt ein Schatten
Derer, die dort einmal
Oder keinmal
Abenteuerliche Freude hatten.
Über dieses Gedicht
Joachim Ringelnatz (1883–1934) fuhr als junger Mann selbst zur See, und Matrosen, Häfen und Kneipen ziehen sich durch sein ganzes Werk – am bekanntesten durch die Figur des Seemanns Kuttel Daddeldu.
„Hafenkneipe“ zeichnet in wenigen Strichen die Kneipe „Zum Südwester“: zweifelhafte Paare, Schlägereien und doch auch „schwer erkämpftes Seemannsglück“. Der Ton schwankt zwischen Witz und Wehmut. Die Schlusszeilen über die Schatten derer, die dort „einmal / Oder keinmal“ Freude hatten, verwandeln die raue Szene in ein Bild von Sehnsucht und Vergänglichkeit.