Ein Dirnenlied

by Sophie Hoechstetter (1873–1943) · 1906 German

Einst, da ich liebte, war ich schön wie Gott
Ja, ich war herrlich, gleich den Ungewittern
Die über welterstarrter Winternot
Erzittern —

Einst, da ich liebte, war mein Mund voll Blut
Und meine Augen glühten gleich Gestirnen
In irrer Glut —
Jetzt geh' ich mit den Dirnen —

Ich nehme die Liebe von jedem Munde,
Ich nehme die Lust zu jeder Stunde,
Ich liege am Grunde
Dort, wo der Ekel ist.
Ich suche — und lache meinem Funde
Zu schlecht für die Hunde
Zum flüchtigen Bunde.

Aber etwas in mir es nimmer vergißt:
Einst, da ich liebte, war mein Mund voll Blut
Und meine Seele schrie in seligem Entstarren
Und eine Welt erstand aus dunkler Glut —
Jetzt bin ich leer — dem Lachen gleich von Narren. (S. 51)

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