Botschaft

by Sophie Hoechstetter (1873–1943) · 1906 German

So viele lange Tage mußt' ich warten —
Dort, wo bei Felsgestein und feuchten Mosen
Zum Winkel des Vergessens wird der Garten,
Dort harrten längst schon dein die roten Rosen.

Und endlich sehe ich, daß du mit deinen zarten
Geliebten Händen hast für diese losen
Blumen mir hingelegt das Buch des Barden.
Ich lese — spüre fernen Sturmes Tosen.

Kein Wort von dir — nur die verlohten
Inbrünste alter Zeit. Nichts als die herben
Verklungenen Lieder eines großen Toten.

Oh du Geliebte, hat mein Sehnsuchtswerben
Mir keinen einz'gen Gegengruß entboten?
Da — halt — ein Bleistrich einsam muß ich sterben. (S. 29)
_____

More poems by Sophie Hoechstetter

  • Abendstimmen

    Der Sommerwind streicht übers Gras
    Hin über die bebenden Herzen,
    Über die goldenen Königskerzen, …
  • Am Teich

    Vom Teich herüber klingt aus einem Nachen
    Durch unsre Nacht der sanfte Ton von Flöten —
    Wir sind am Uferrand — ich sehe seine flachen. …
  • Am Thunersee

    Komm mit — der See schickt weiße Tauben
    Als Freudenboten aus dem Grund hervor.
    Komm mit — ich weiß dir viele Brombeertrauben …
  • Der Treulose

    Wir ritten jubelnd durch die Nacht,
    Fern lag das Schloß — vor uns das Meer
    So weiß wie Diamanten. …

All poems by Sophie Hoechstetter →