Am Thunersee

by Sophie Hoechstetter (1873–1943) · 1906 German

Komm mit — der See schickt weiße Tauben
Als Freudenboten aus dem Grund hervor.
Komm mit — ich weiß dir viele Brombeertrauben
Am Waldesknick, am Felsentor.

Komm mit — ich weiß ein Boot mit goldnem Segel,
Das trägt uns weit hinaus ins Blau,
Komm mit, die weißen Taubenvögel
Sie grüßen dich, du stolze Frau.

Komm mit, ich weiß dort hinter Lorbeerbäumen
Ein helles Haus —
Und glühendrot Geranien träumen
In blaue Nebelluft hinaus.

Komm mit — ich weiß dir dort blutrotes Lieben,
Komm mit, komm mit zu unserm See —
Und dieser Tag sei in mein Herz geschrieben
Bis es vergeh —

Komm mit — du weißt doch, daß wir müssen,
Komm mit, komm mit zur Liebesnacht,
Und sieh, wie unter tausend Küssen
Uns jung das Paradies erwacht —

Komm mit, komm mit, blutrote Blumen sterben
Im Herbstesgrau —
Komm mit, ich will mit meinem Leben um dich werben
Du schönste Frau. (S. 42-43)
_____

More poems by Sophie Hoechstetter

  • Abendstimmen

    Der Sommerwind streicht übers Gras
    Hin über die bebenden Herzen,
    Über die goldenen Königskerzen, …
  • Am Teich

    Vom Teich herüber klingt aus einem Nachen
    Durch unsre Nacht der sanfte Ton von Flöten —
    Wir sind am Uferrand — ich sehe seine flachen. …
  • Botschaft

    So viele lange Tage mußt' ich warten —
    Dort, wo bei Felsgestein und feuchten Mosen
    Zum Winkel des Vergessens wird der Garten, …
  • Der Treulose

    Wir ritten jubelnd durch die Nacht,
    Fern lag das Schloß — vor uns das Meer
    So weiß wie Diamanten. …

All poems by Sophie Hoechstetter →