Da trank ich - wie drängte den Lippen sich's zu

by Felix Grafe

den lieblichsten Rausch und es ließ mir nicht Ruh,
da küßt ich - wie war ich zu küssen bereit -
da küßt ich die Küsse der goldenen Zeit.
So haltet, so halte noch, eh sie enteilt
die liebliche Stunde, die tötet und heilt,
daß hold an die Brust eine Freundin euch zieht,
wenn Jugend, die jubelnde Lerche entflieht.
Und daß uns, wenn Schnee schon den Scheitel uns deckt,
die freundliche Drohung der Parze nicht schreckt.
Wenn drohend auf zwölf auch der Zeiger schon zeigt,
die Himmlischen bleiben uns gnädig geneigt.
Wie duftet die braune, die brausende Nacht
als hätt ihr, es hat ihr ein Mädchen gelacht.
Und Rosen, sie neigen ihr stilles Gesicht
so hold und so hauchend dem küssenden Licht.
Und Liebe die flüchtige, eilt euch vorbei
mit schneeigen Sohlen da war es noch Mai
und achtet der Hände der bittenden nicht,
sie flieht tirilierend ins himmlische Licht.
Doch Liebe und Jugend, geschwisterlich Paar
sie dauern ein holdes, ein rollendes Jahr.
Und ziehst du, oh zieh dir das schönste Gewinst,
um liebliche Stirne das braune Gespinst,
zwei Augen wie Träume dem Himmel enttaucht
und Wangen von seliger Kühle umhaucht,
da fallen der zitternden Lose genug,
die schwarzen, die weißen aus tönendem Krug.
Und wer sich nicht einmal des Frühlings gefreut,
dem werden nicht Blumen des Sommers gestreut.
Oh, haltet im Herzen, was herrlich einst war,
es wandert sich schlecht durch ein herbstliches Jahr,
es wandert sich einsam ins Alter allein,
der Winter wird schweigend die Wege verschnein,
da strauchelt der Fuß und das Auge wird müd,
wenn Jugend nicht farbig die Nacht durchglüht.
Ihr könnt sie nicht halten, oh haltet sie fest -
die Jugend entschwirrt wie ein Hänfling dem Nest,
sie ruft noch zurück und das Herz wird euch schwer,
denn nimmer und nimmer ist Wiederkehr.
Und habt ihr genippt an dem rauschenden Krug,
so schließt ihr euch an den unendlichen Zug,
schon seid ihr gesellt der schlummernden Schar
und tröstend der Jugend vertönet das Jahr.
Schon stehen die Kinder gereiht und bereit
zu küssen die Küsse der goldenen Zeit. (S. 181-182)
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