Bitte

by Otto Ernst (1862–1926) · 1902 German

Du sollst mir nicht so scheu bewundernd,
So staunend in die Augen sehn;
Nicht soll mein Bild so übermächtig,
So stolz vor deiner Seele stehn.

Du sollst nicht wähnen, daß mein Denken
Sich frei im reinen Lichte wiegt,
Daß über jegliche Versuchung
In mir ein starker Wille siegt.

Ich bin zu dir, o Kind, gekommen,
Um dir ins süße Angesicht
Mit treuen Worten zu bekennen,
Was mir an hohem Wert gebricht.

Was ich gewonnen und verloren
In der verrauschten Tage Spiel,
Du sollst es wissen - und erkennen,
Wie oft ich strauchelte und fiel.

Und wenn ich alles dir bekenne,
Dann bebe nicht mehr stumm zurück,
Als träfe dich in meiner Liebe
Ein ewig unverdientes Glück.

Vielmehr, wenn still aus meinen Augen
Ein Tropfen rinnt auf deine Hand,
So denke, daß in deinen Armen
Ein irrend Herz den Frieden fand. (S. 19-20)
_____

More poems by Otto Ernst

  • Wintermärchen

    Wintermärchen.
    Auf dem Baum vor meinem Fenster
    Saß im rauhen Winterhauch …
  • Liebesschauer

    Von seliger Wonne
    Zu düsterem Grausen
    Schwankt die genießende, …
  • Abend

    (Nach einem alten Holzschnitt)
    Lehnst an meine Schulter du
    Sanft dein Haupt mit Schweigen, …
  • Allein im Dunkel

    Allein im Dunkel.
    Her durch Wände und geschloss’ne Türen
    Schwebt ein Spiel von leisen, weichen Händen, …

All poems by Otto Ernst →