62.

by Gisela Etzel (1880–1918) · 1912 German

62.
Du Wiege meiner Schmerzen,
Du sollst nun stille stehn,
Nicht mehr mit andern Herzen
Im gleichen Takte gehn.

Du lagst in tiefen Gluten
Und manchem hohen Rausch /
Und mußt du drum verbluten,
So ists ein edler Tausch.

Laß andre weiter gehen
Zum Ziel, das keiner kennt;
Du wirst doch nie verstehen,
Wohin dein Zeiger rennt.

Das war ein Irrelaufen
Um arme Stunden Glück;
Wie schwer sie zu erkaufen,
Sie gaben nichts zurück.

Nur Eines ist gegeben,
Zu Einem hast du Macht:
Leg ab das liebe Leben
Und bette dich in Nacht.

Lösch aus die Sehnsuchtssonne
Und steh in Dunkel still,
Da keine Erdenwonne
Ein Ganzes werden will. (S. 64)
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