60.

by Gisela Etzel (1880–1918) · 1912 German

60.
Noch flammt der Garten in so buntem Blühen,
Als läg er tief in süßem Sommerglück,
Noch hält die Luft viel schwülen Duft zurück,
Und Sonnenstunden gibt es noch, die glühen.

Und doch liegt alles wie in Bann gebettet,
Als sei die Welt im Schrei der Brunst erstarrt,
Als habe sie ein Zauberfluch genarrt
Und ihre Lust in Starrkrampf festgekettet.

So schön und schamlos liegt die wilde Dirne,
Die strahlend ihre letzte Gunst verschenkt
Und doch dem Wandrer tief in helle Stirne
Die Falte hoffnungsloser Schwermut senkt. (S. 62)
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