22.

by Gisela Etzel (1880–1918) · 1912 German

22.
Ich liege auf dem Rücken hoch im Heu:
Wie anders sieht sich doch der Himmel an,
So weit und tief und auch so seltsam neu,
Als ob ein blauer Traum ihn spann.

Die Sonne hüllt ihr Gold in warmes Grau,
Hoch über mir kleinweiße Wolken stehn,
Das Abendläuten ist wie Tropfen Tau,
Die sacht und segnend niedergehn.

Und meine Seele kniet in weißem Tuch
Und betet meiner Sinne Rosenkranz,
Und meine Liebe blickt ins Andachtsbuch
Und lächelt diesem Mummenschanz. (S. 22)
_____

More poems by Gisela Etzel

  • 34.

    34.
    Mein Tag ist so von Liebe ganz beladen,
    Daß ich erschauernd wie durch Wonnen gehe, …
  • 10.

    10.
    Ich möchte wohl solch eines reinen Knaben
    Verschwendend ersten Liebesjubel haben …
  • 11.

    11.
    Der Wegrain blüht; die goldnen Königskerzen
    Umdrängen still und stolz den alten Zaun, …
  • 12.

    12.
    Komm, Knabe, komm und sieh mir in die Augen,
    Die dunkel sagen, daß sie dich verstehn, …

All poems by Gisela Etzel →