108.

by Otto Heinrich Graf von Loeben German

108.
Sonst schwindet langsam mit dem Trauerkleide
Das stete Weh', das Suchen und Vermissen,
Die Wunde, die man anfangs aufgerissen;
Doch meine Liebe wächst mit meinem Leide.

Oft von Eurydicen auf blum'ger Weide
Les' ich, wie eine Schlange sie gebissen;
Bis wo sie dem Gemal' auf's neu entrissen,
Les ich; das ist die Stelle, die ich meide.

Schon sind so manche Monde hingeflossen
Seit jenem traur'gen Tag'; und nun erst sag' ich:
Ich lerne sie vermissen und beweinen.

Was Menschen trösten kann, halt' ich umschlossen,
Alte Geschichten, fromme Bücher frag' ich,
Ob Liebende sich trennungslos vereinen? (S. 99)
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