Xix.

German

XIX.
Unverhofft nach trüben Tagen
ist der heitre Lenz erschienen
Und die aufgewachte Erde
überhaucht ein zartes Grünen;
Und mit bunten Sonnenschirmen
Mädchen in den Gärten gehen,
Wanderer, vorüberziehend,
Nach den schönen Blumen spähen.

Unter all' den hellen Fenstern,
die der Sonne offen stehen,
Ist ein einziges verschlossen
vor dem lauen Frühlingswehen.
Eine Hyazinthe duftet
vor den blendenden Gardinen:
Aber eine kranke Jungfrau
atmet bange hinter ihnen.

Ihr zu Häupten sitzt die Mutter
und die Schwester ihr zu Füßen,
So, verhaltend bittre Tränen,
einen Dritten leis sie grüßen.
Und in ihren Blicken liest er,
daß der Herbst hat wahr gesprochen.
Daß die Hoffnung ist vernichtet
und die Lilie gebrochen. -

So den stillen Tod zu sehen
in den lichten, himmelblauen
Augen eines kranken Liebchens:
traun, das ist ein seltsam Schauen!
Wenn die weißen Todesrosen
gar so stolz und sieghaft prangen
Auf der Liebsten ausgeglühten,
bleichen, bleichen Marmorwangen!

Blühe, milde Grabesblume,
blühe und verblühe selig!
Noch ein kurzer, heißer Sommer,
und auch ich bin überzählig.
Wie die linden Maienlüfte
deine Blüte sanft entblättern,
So wird meine Krone fallen
in des Herbstes rauhen Wettern. (S. 89-90)

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XIX.

Year Written: 
1806
Year Rounded: 
1 800
Poem StrLen Difference: 
0

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VI.
Wohl ist die Lilie wunderbar,
Wenn stolz sie sich im Garten wiegt,
In ihrem Kelche, sonnenklar,
Langsam der Morgentau versiegt;
Doch mag ich gehn und wandern,
So weit nur Lilien stehn,
Ist keine vor der andern
Mit höherm Schmuck versehn.

...

V.
Viele Wochen sind entflohn,
Seit ich Dich gesehen;
Hab' auch lange Tage schon
Keine Blum' gesehen!

Keine Blumen und kein Lieb -
Ach was soll das werden?
Was soll aus dem Frühlingstrieb
In mir innen werden?

Zwar noch stets der Lenz...

IV.
Nun in dieser Frühlingszeit
Ist mein Herz ein klarer See,
Drin versank das schwere Leid,
Draus verdampft das leichtre Weh.

Spiegelnd mein Gemüte ruht,
Von der Sonne überhaucht,
Und mit Lieb' umgießt die Flut,
Was sich in dieselbe taucht.

...

III.
Sitzt man mit geschloßnen Augen
Einsam in dem dunkeln Zimmer,
Blitzt oft durch die zarten Lider
Plötzlich roter Kerzenschimmer;
Weiß ich doch, daß Sonnenstrahlen
Durch die Augendeckel dringen
Und in flimmernden Gebilden
Sich um unsre Seele...

II.
Durch's Frührot zog das Wolkenschiff
vor einem hellen Frühlingstag,
Als ich, ein träumend Schülerkind,
im morgenstillen Felde lag;
Ein Falter streifte meine Stirn,
und vor mir eine Lilie stand;
Ich aber schaute drüber hin
in's tiefe, blaue...