Wintermärchen

by Otto Ernst

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Wintermärchen.

Auf dem Baum vor meinem Fenster Saß im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: „Warum wanderst du nicht auch?

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Warum bleibst du, wenn die Stürme

Brausen über Flur und Feld, Da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?“ Antwort gab sie leisen Tones:

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„Weil ich nicht wie andre bin,

Die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn. Da die wandern nach der Sonne Ruhelos von Land zu Land,

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Haben nie das stille Leuchten

In der eignen Brust gekannt. Mir erglüht’s mit ew’gem Strahle – Ob auch Nacht auf Erden zieht –, Sing’ ich unter Flockenschauern

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Einsam ein erträumtes Lied.

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Wundersamer Trost in Schmerzen!

Doch nur jene kennen ihn, Die in Nacht und Sturm beharren Und vor keinem Winter fliehn.

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Dir auch leuchtet hell das Auge;

Deine Wange zwar ist bleich; Doch es schaut dein Blick nach innen In das ew’ge Sonnenreich. Laß uns hier gemeinsam wohnen,

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Und ein Lied von Zeit zu Zeit

Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit.“

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