Wenn die Muse küßt ...!

by Kurt Tucholsky (1890–1935) · 1920 German

Daß du mich nicht erhörst, o Ernestine,
das macht, daß meine Dichtkunst stockt.
Apollo mit der Versturbine
kommt nicht mehr angesockt.

Woraus entsteigen unsre Prachtsonette?
Das Drama, wo ekstatisch stelzt?
Dem Tintenfaß? O Mädchen, dette
die Neese ins Gesicht behältst!

Des Dichters Aug, in schönem Wahnsinn rollend,
blickt schwärmerisch auf das, was rund.
Couplet, flieg auf! Er kann nur: wollend
und auf die Damens furibund.

Heut abend ... Und die Schreibmaschine klappert.
Das edle Maß der alten Poesie
fließt her von Weimar, bis es überschwappert ...
Im Hintergrund sitzt sie.

Der Morgen schwiemelt. Müde, an den Wänden,
kraucht Theobald - wer weiß, woher - ins Zelt.
Jetzt hat die keusche Leserin in Händen,
was er vor jener Nachtschlacht hergestellt.

Du Liebe! Löse dich und tu den Rock aus!
Auf deinen Schultern ruht es voll und ganz:
Gibst du dich mir, dann steh ich einst im Brockhaus
Schalmei bis Tigerschwanz. (S. 333-334)
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