Die arme Frau

by Kurt Tucholsky (1890–1935) · 1919 German

Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
Du lieber Gott, da seid mir still!
Ein Don Juan? Ein braver, schlichter
Bourgeois – wie Gott ihn haben will.

Da steht in seinen schmalen Büchern,
wieviele Frauen er geküßt;
von seidenen Haaren, seidenen Tüchern,
Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst …

Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe,
den anonymen Veilchenstrauß!
Es könnt ihn stören, wenn er schliefe.
Denn meist ruht sich der Dicke aus.

Und faul und fett und so gefräßig
ist er und immer reklamiert.
Und dabei gluckert er unmäßig
vom Rotwein, den er temperiert.

Ich sah euch wilder und erpichter
von Tag zu Tag – ach! laßt das sein!
Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
In Büchern: ja.
Im Leben: nein.

Über dieses Gedicht

Kurt Tucholsky (1890–1935), der große Satiriker der Weimarer Republik, schrieb viele Rollengedichte, in denen er Figuren selbst sprechen lässt.

In „Die arme Frau“ spricht die Ehefrau eines Dichters, der in seinen Büchern von unzähligen Geliebten und Leidenschaften erzählt. Sie nimmt den Verehrerinnen die Illusion: Ihr Mann ist ein „braver, schlichter Bourgeois“, dick, faul und gefräßig, der vor allem schläft und Rotwein trinkt. Der Witz liegt im Kontrast zwischen dem Don-Juan-Bild der Literatur und dem bürgerlichen Alltag.

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