Vigilien

by Rainer Maria Rilke

[48] VIGILIEN I Die falben Felder schlafen schon, mein Herz nur wacht allein; der Abend refft im Hafen schon sein rotes Segel ein.

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Traumselige Vigilie!

Jetzt wallt die Nacht durchs Land; der Mond, die weiße Lilie, blüht auf in ihrer Hand. II Am offnen Stubenfenster lehn ich

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und träume in die Nacht hinauf;

das Mondlicht windet silbersträhnig sich um den schwarzen Kirchturmknauf. [49] Sehn wenig Welten aus den Fernen auch durch den engen Hof ins Haus, –

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es füllte Licht von zehen Sternen

ein ganzes, dunkles Leben aus. III Horch, der Schritt der Nacht erstirbt in der weiten Stille; meine Schreibtischlampe zirpt

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leis wie eine Grille.

Goldig auf dem Bücherstand glühn der Bände Rücken: zu der Fahrt ins Feenland Pfeiler für die Brücken. IV

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Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht

beim toten Mütterlein verbracht und hat geweint und hat gewacht; – dann gingen Jahre, Jahre sacht: nie hat sie jener Nacht gedacht.

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Und dann kam eine andre Nacht.

Da hat von Glut und Sünd entfacht die rote Lippe Lust gelacht, doch plötzlich – wie durch höhre Macht dacht sie der Nacht der Leichenwacht.

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