Absaloms Abfall

by Rainer Maria Rilke

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ABSALOMS ABFALL

Sie hoben sie mit Geblitz: der Sturm aus den Hörnern schwellte seidene, breitgewellte Fahnen. Der herrlich Erhellte

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nahm im hochoffenen Zelte,

das jauchzendes Volk umstellte, zehn Frauen in Besitz, die (gewohnt an des alternden Fürsten sparsame Nacht und Tat)

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unter seinem Dürsten

wogten wie Sommersaat. Dann trat er heraus zum Rate, wie vermindert um nichts, und jeder, der ihm nahte,

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erblindete seines Lichts.

So zog er auch den Heeren voran wie ein Stern dem Jahr; über allen Speeren wehte sein warmes Haar,

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das der Helm nicht faßte

und das er manchmal haßte,

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weil es schwerer war

als seine reichsten Kleider. Der König hatte geboten, daß man den Schönen schone.

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Doch man sah ihn ohne

Helm an den bedrohten Orten die ärgsten Knoten zu roten Stücken von Toten auseinanderhaun.

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Dann wußte lange keiner

von ihm, bis plötzlich einer schrie: Er hängt dort hinten an den Terebinthen mit hochgezogenen Braun.

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Das war genug des Winks.

Joab, wie ein Jäger, erspähte das Haar —: ein schräger gedrehter Ast: da hings. Er durchrannte den schlanken Kläger,

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und seine Waffenträger

durchbohrten ihn rechts und links.

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