Untergang der Sonne
Die schöne Sonne Ist ruhig hinabgestiegen in’s Meer; Die wogenden Wasser sind schon gefärbt Von der dunkeln Nacht,
Ueberstreut sie mit goldnen Lichtern, Und die rauschende Fluthgewalt Drängt an’s Ufer die weißen Wellen, Die lustig und hastig hüpfen,
Die Abends der singende Hirtenjunge Nach Hause treibt. Wie schön ist die Sonne! So sprach nach langem Schweigen der Freund,
[352] Und scherzend halb und halb wehmüthig, Versichert’ er mir: die Sonne sey Eine schöne Frau, die den alten Meergott Aus Convenienz geheurathet;
Am hohen Himmel, purpurgeputzt, Und diamantenblitzend, Und allgeliebt und allbewundert Von allen Weltkreaturen,
Mit ihres Blickes Licht und Wärme; Aber des Abends, trostlos gezwungen, Kehre sie wieder zurück In das nasse Haus, in die öden Arme
Glaub mir’s – setzte hinzu der Freund, Und lachte und seufzte und lachte wieder – Die führen dort unten die zärtlichste Ehe! Entweder sie schlafen oder sie zanken sich,
Und der Schiffer im Wellengeräusch es hört Wie der Alte sein Weib ausschilt: „Runde Metze des Weltalls! Strahlenbuhlende!
[353] Und Nachts, für Mich, bist du frostig und müde!“ Nach solcher Gardinenpredigt, Versteht sich! bricht dann aus in Thränen Die stolze Sonne und klagt ihr Elend,
Plötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt, Und schnell nach der Meeresfläche heraufschwimmt, Um Luft und Besinnung zu schöpfen. So sah ich ihn selbst, verflossene Nacht,
Er trug eine Jacke von gelbem Flanell, Und eine lilienweiße Schlafmütz, Und ein abgewelktes Gesicht.