Schlangenbeschwörung

by Rainer Maria Rilke

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SCHLANGENBESCHWÖRUNG

Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörer die Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt, so kann es sein, daß er sich einen Hörer herüberlockt, der ganz aus dem Tumult

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der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,

die will und will und will und die erreicht, daß das Reptil in seinem Korb sich steife und die das steife schmeichlerisch erweicht, abwechselnd immer schwindelnder und blinder

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mit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst —;

und dann genügt ein Blick: so hat der Inder dir eine Fremde eingeflößt, in der du stirbst. Es ist, als überstürze glühender Himmel dich. Es geht ein Sprung

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durch dein Gesicht. Es legen sich Gewürze

auf deine nordische Erinnerung, die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte, die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft; von böser Freude steilen sich die Schäfte,

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und in den Schlangen glänzt das Gift.

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