Saul unter den Propheten

by Rainer Maria Rilke

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SAUL UNTER DEN PROPHETEN

Meinst du denn, daß man sich sinken sieht? Nein, der König schien sich noch erhaben, da er seinen starken Harfenknaben töten wollte bis ins zehnte Glied.

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Erst da ihn der Geist auf solchen Wegen

überfiel und auseinanderriß, sah er sich im Innern ohne Segen, und sein Blut ging in der Finsternis abergläubig dem Gericht entgegen.

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Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite,

war es nur, damit der Flüchtling weit flüchten könne. So war dieses zweite Mal. Doch einst: er hatte prophezeit fast als Kind, als ob ihm jede Ader

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mündete in einen Mund aus Erz;

alle schritten, doch er schritt gerader. Alle schrieen, doch ihm schrie das Herz. Und nun war er nichts als dieser Haufen umgestürzter Würden, Last auf Last:

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und sein Mund war wie der Mund der Traufen,

der die Güsse, die zusammenlaufen, fallen läßt, eh er sie faßt.

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