Sankt Georg

by Rainer Maria Rilke

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SANKT GEORG

Und sie hatte ihn die ganze Nacht angerufen, hingekniet, die schwache wache Jungfrau: Siehe, dieser Drache, und ich weiß es nicht, warum er wacht.

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Und da brach er aus dem Morgengraun

auf dem Falben, strahlend Helm und Haubert, und er sah sie, traurig und verzaubert aus dem Knieen aufwärtsschaun zu dem Glanze, der er war.

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Und er sprengte glänzend längs der Länder

abwärts mit erhobnem Doppelhänder in die offene Gefahr, viel zu furchtbar, aber doch erfleht. Und sie kniete knieender, die Hände

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fester faltend, daß er sie bestände;

denn sie wußte nicht, daß der besteht, den ihr Herz, ihr reines und bereites, aus dem Licht des göttlichen Geleites niederreißt. Zu seiten seines Streites

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stand, wie Türme stehen, ihr Gebet.

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