O sage nicht, du hast mich nie geliebt

by Julius Grosse (1828–1902) · 1882 German

O sage nicht, du hast mich nie geliebt!
Dein Herz spricht anders und des Auges Scheue.
Wenn je ein Engel Täuschungen vergiebt,
Verschweigt er auch die Thränen stiller Reue.

In deinen Mienen streng, in deinem Stolz,
In deinem Zorne hab' ich es gelesen,
Daß deines Herzens Panzer längst zerschmolz,
Daß deine Seele dennoch mein gewesen.

Warum sonst ständst du heute, meinem Glück
Und meinem Herde grollend, fremd und ferne?
Du schaust in einst'ge Flammen starr zurück,
Ach, Flammen sind es längst enteilter Sterne!

O glaube nicht, die Liebe sei so blind;
Sie ist allwissend, selbst wenn sie betrogen,
Sie blickt in Tiefen, die verschlossen sind,
Und sieht versunkne Kronen in den Wogen.

O glaube nicht, die Liebe würde Haß!
Sie ist unsterblich, selbst wenn sie erschlagen.
Ihr lichter Schatten, leuchtend, mondesblaß,
Bleibt mir gesellt in diesen Erdentagen.

Auf lebenslang - auch dich noch lebenslang
Wird unerreichbar sie getreu begleiten,
Gleichwie ein Gruß, ein zaub'rischer Gesang
Von unverstandnen goldnen Jugendzeiten. (S. 103)
_____

More poems by Julius Grosse

  • Abschied

    Endlich Entscheidung - und ewig verloren,
    Ewig verstoßen - O still, ihr Klagen
    Traumentnüchterter Treugelübde! …
  • Aequinoctien

    Gleich den Tagen nun die Nächte.
    Stürme brausen thalhernieder,
    Stürme toben auch im Herzen, …
  • Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt

    Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt,
    Und alle Menschen schienen mir erhabener.
    Seit du mich aufgegeben, - wie vom Blitzesstrahl …
  • An der Kirchthür

    An der Kirchthür bin ich vorbeigegangen,
    In den Linden schlief der Wind.
    Ach, was mach' ich diesen lieben langen …

All poems by Julius Grosse →