Nachtgespenst

by Marie Eugenie Delle Grazie

[131]      Nachtgespenst. Ich lag in holden Traumes Bann: Blau durch die Scheiben quoll Des Mondes Licht und überrann Die Wände zaubervoll;

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Und schuf im Nu ein Märchenland,

Der Sehnsucht lockend nah – Was jemals ich begehrt, es stand In seinem Schimmer da; Ein Schritt nur – und ich schwelgte d’rin!

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Ein Griff – und es war mein!

Und schwindelnd fuhr’s mir durch den Sinn: „Das Glück! Nimm’s, es ist dein!“ Da schlich sich an mein Lager sacht Ein bleiches Grau’ngesicht,

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Mit Augen, trostlos wie die Nacht,

Wenn sie kein Stern durchbricht; Mit Händen, eifrig, grabesschwer Und lastend, hart wie Erz, Und diese Hände preßte er,

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Der Unhold, mir auf’s Herz;

Bis Wunsch und Kraft und Wille floh Und starb in dumpfer Ruh’, Dann nickte er: „Ich will es so! Nun Menschlein – träume zu!“

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