Mein Freund

by Otto Ernst

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Mein Freund.

Als ich jüngst im Garten wandelte, Ward mir unverhoffte, tiefe Freude: Aus dem tiefen Dunkel wirrer Zweige Winkten mir zwei Blumen wie zwei Augen.

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Näher trat ich, durchs Gebüsch mich zwängend –

Sieh, im düst’ren Schatten alter Bäume, Fast erdrückt vom wuchernden Holunder, Stand ein armer Strauch der Alpenrose. Zwischen seinen krummen, mag’ren Ästen

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Spann ihr feucht Gespinnst die ewige Nacht;

Abgetrennt von Luft und Sommersonne, War er leidend Jahr um Jahr gewachsen; Doch aus Leidensnächten hob er Blüten, Starke, lächelnde, betränte Blüten,

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Seines Ringens Ende, still empor.

Und den Gärtner rief ich: „Diesem Strauche Gib den besten Platz in meinem Garten. Tu es bald – ich hab es ihm versprochen.“ Alle Wohner meines Gartens lieb ich,

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Halm und Bäume, Frucht- und Schattensträucher;

Doch mit diesem in des Abends Schweigen Sprech’ ich Worte wie von Mensch zu Mensch.

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