Mailied

by Friederike Jerusalem (1759–1836) · 1838 German

Bereite dich, Erde, zu festlicher Feier!
Der Freudenerwecker eilt wieder herbei!
Er schwebt in den Wolken, im rosigen Schleier,
Der Blumenerschaffer, der liebliche Mai!
Aus himmlischem Glanze
Erhob er, beim Tanze
Der Horen, sein Haupt,
Die wallenden Locken
Von duftenden Glocken
Und Mirten umlaubt.

Er athmet: und neues allmächtiges Leben
Durchlodert die Pulse der ganzen Natur!
Er lächelt: und siehe! die Saaten erheben
Sich grüner und schneller aus bräunlicher Flur!
Nun gaukeln die Weste
Um Reiser und Aeste
Im grünenden Hain,
Und laden zu Zweigen,
Die dämmernd sich neigen,
Die Nachtigall ein.

Da kommt sie, die Wonne der Schöpfung, und flötet
Ihr schmelzendes Mailied dem horchenden Baum;
Vom Strale des scheidenden Tages geröthet,
Bewegen die Blätter und Blüthen sich kaum.
So schwiegen die Wälder,
So lauschten die Felder,
Als, klagend und bang,
Der König der Lieder:
"Noch einmal komm wieder,
Eurydice!" sang. (S. 169-170)

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