Liebeslied

by Max Herrmann-Neiße (1886–1941) · 1986 German

Wenn dir andre Rosen brachten,
Dornen waren stets von mir;
wenn dich andre lachen machten,
ich schuf Leid und Tränen dir.
Saß ich auch an deinem Bette,
fühltest doch, wie fern ich blieb:
Sommersee und Bergeskette
hatte ich in Wahrheit lieb!
Küßt' ich tröstend deine Hände,
war mein Herz bei einem Hund,
hing mein Blick am Schmuck der Wände
inn'ger, als an deinem Mund.
Ach, ich habe viel verschuldet,
dort auch, wo ich viel vergab,
und die Schmach, die ich erduldet,
grub sich selbst ihr Armengrab.
Hab' dich stets allein gelassen,
war dir meine Hilfe not.
Tat wie blind, wenn in den Gassen
du dich gabst für unser Brot;
wollte wissen nicht, und wußte
doch, wie sehr ich dich zerrieb.
Wenn ich einmal wach sein mußte,
war ich's als ertappter Dieb.
Fremder Duft um deine Kleider,
fremdes Glück in deinem Blick - - -
Ich Schlemihl verzichte leider,
füge mich in mein Geschick,
das ich selber so nur wollte,
das mir sehr zu Recht geschah -
dem ich doch im stillen grollte,
weil ich mich verächtlich sah.
Wenn dich andre lachen machten,
wie ertappt verstummten wir;
wenn dir andre Rosen brachten,
Dornen waren stets von mir.
(Band 2 S. 95-96)
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