Jeremia

by Rainer Maria Rilke

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JEREMIA

Einmal war ich weich wie früher Weizen, doch, du Rasender, du hast vermocht, mir das hingehaltne Herz zu reizen, daß es jetzt wie eines Löwen kocht.

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Welchen Mund hast du mir zugemutet,

damals, da ich fast ein Knabe war: eine Wunde wurde er: nun blutet aus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr. Täglich tönte ich von neuen Nöten,

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die du, Unersättlicher, ersannst,

und sie konnten mir den Mund nicht töten; sieh du zu, wie du ihn stillen kannst, wenn, die wir zerstoßen und zerstören, erst verloren sind und fernverlaufen

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und vergangen sind in der Gefahr:

denn dann will ich in den Trümmerhaufen endlich meine Stimme wiederhören, die von Anfang an ein Heulen war.

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