Ich sah dich still durch meine Jugend schweben,
Ich hab' gewähnt, du seist zur Welt gekommen,
Um, vorbestimmt, zu leuchten meinem Leben -
Dein lieber Glanz ist fremdem Herd erglommen.
Ich will mein Tagwerk ohne Groll vollenden,
Dem rauhen Lenz das karge Saatgut neuen,
Und, wie die Pflugschar blitzt beim Schollenwenden,
Will Liederglanz ich durch die Zeiten streuen.
Ich will dir nah sein, ruhig, unbefangen,
Ein treuer Freund. Du sollst es nicht erfahren,
Wes Art der Sturm, der durch mein Herz gegangen;
Dereinst jedoch, vielleicht nach langen Jahren,
Erscheint ein Tag, der reicht mir sacht in Fülle
Den Schwermutkelch, den Siegestrunk der Trauer,
Ein Herbsttag wohl, des leise Nebelhülle
Durchgoldet starrt im letzten Sonnenschauer.
Du bist allein. Es ward von tiefem Sinnen
Dein Auge dunkel, das geliebte, frohe;
Der Nordwind braust um deines Schlosses Zinnen,
Tief im Kamine blitzt die Scheiterlohe.
Dich bannt ein Traum. Du denkst vergangner Tage,
Und deine Hand, die schmale, goldbereifte,
Umspannt ein Buch; es ringt nach einer Frage
Rastlos dein Mund, der rote, fein geschweifte.
Er wölbt sich herb, und flüstert immer wieder:
Wem galt dies Buch, draus tiefe Sehnsucht flutet,
Wem sang mein Dichter seine letzten Lieder,
Wer ist die Frau, der einst sein Herz geblutet?
Aus: Gesammelte Werke
von Prinz Emil von Schoenaich-Carolath
3. Band Gedichte
Leipzig G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung 1907